Laufen und Angststörung

Was ist wenn ich umfalle? Schafft mein Kreislauf das? Mir ist jetzt schon schwindelig. Ich habe gar kein Handy dabei und kann niemanden erreichen, wenn etwas passiert! Lieber nicht zu weit laufen.

Ich hab Angst, dass…

Wenn man mit einer Angststörung Sport machen will, muss man sich manchmal durch einige Fragen und Zweifel kämpfen. Ich bin eine von diesen Angsthasen und habe immer wieder damit zu tun, muss immer wieder über meinen Schatten springen. Was das bedeutet und was ich dagegen tue, erzähle ich dir gern.

Generalisierte Angststörung

Meine Diagnose vor nun fast 9 Jahren lautete „generalisierte Angststörung“. Damals hatte ich starke Panikattacken, Schwindel und Herzrasen und machte mir ständig Sorgen um Alles. Die Sorgen mache ich mir noch heute, ich konnte allerdings dank einer tollen Gesprächstherapie die Panikattacken in den Griff bekommen.
Trotzdem bleibt die Angst und manchmal auch das Herzrasen und findet einfach immer wieder mal seinen Weg, mir Sorgen zu machen. Dann gehen mir alle möglichen Dinge durch den Kopf, mein Herz poltert und Schwindel setzt ein. Ich mache mir Sorgen um Dinge, die jeder andere als leicht lächerlich ansehen würde. Ich habe aber gelernt damit um zu gehen und arbeite regelmäßig daran, meine Ängste und Gedanken zu überlisten und mich eben nicht von Ihnen beeindrucken zu lassen. Denn viele Erfahrungen kann man einfach nicht machen, wenn man sich selbst im Weg steht.

Aber es ist nicht immer einfach

Die Gedanken und Ängste, die man in bestimmten Momenten hat, sind für „normal“ denkende Personen oft nicht ganz nachvollziehbar, was gerne auch zu Konflikten führen kann. Nicht nur, dass man selbst bereits in einem Kampf mit sich selbst steht, auch das Umfeld könnte nicht so reagieren, wie man es erwarten würde und so weitere Konflikte hervor rufen. Es ist nicht einfach, in einem Moment der Angst und Sorge, sein Hirn zu überlisten und die Kraft zu haben, sich wieder zu beruhigen. Geschweige denn, die Kraft zu haben, in die angstauslösende Situation zu gehen und diese aktiv und bewusst zu erleben um zu sehen, dass es alles gar nicht so schlimm ist. Stell dir vor, du stehst auf einer Brücke, kurz vor deinem Bungee-Sprung. Du hast Angst und deine Knie sind weich, das Herz rast. Und du musst dich überwinden, zu springen. So in etwa fühlt es sich für mich als Angsthasen an, über den Alexanderplatz durch die Menschenmassen zu laufen, in einem Flugzeug zu sitzen oder ohne Handy und ganz alleine 5km durch Berlin zu laufen. Merkwürdig was…?

Der Angst begegnen

Im Laufe der Zeit – vor Allem in den letzten 2 Jahren – hatte ich viele Möglichkeiten mich heraus zu fordern und wurde immer wieder vor neue Hürden gestellt. Fachvorträge vor Publikum, ein neuer Job. Aber auch beim Laufen schleicht sich gerne mal der Angsthase ein und ich zweifle, ob ich jetzt wirklich ohne Handy laufen gehen soll oder ob mein Freund mich findet, wenn ich unterwegs Kreislaufprobleme habe. Fragen, die sich lächerlich anhören, aber für die Person selbst sehr ernst sind. Am Ende laufe ich trotzdem ohne Handy. Am Ende schafft mein Kreislauf das alles – ich bin übrigens seit der ersten Diagnose NOCH NIE umgefallen. Und am Ende ist alles gut.

Meine Helferlein und Tipps gegen Angst beim Laufen

  • meine beste Anschaffung ever: mein Laufrucksack
    • 3km laufen mit Laufrucksack? Für den einen lächerlich, für mich die größte Sicherheit, die ich mir schenken konnte. Dank dem Laufrucksack kann ich mir etwas zu trinken mitnehmen, mein Handy einstecken und ein bisschen Traubenzucker ist auch immer dabei. Auch wenn ich das alles während dem Lauf nie brauche, gibt es mir die Sicherheit, das ich versorgt bin und ich „traue“ mich dann auch endlich an längere oder neue Strecken heran. Wenn ich die dann erstmal geschafft habe, kann ich beim nächsten Mal den Rucksack auch wieder weglassen.

 

  • die Laufroute kurz mitteilen
    • bevor ich raus gehe und zum Lauf starte, gebe ich jemandem kurz meine geplante Route an. So weiß ich, dass im Falle eines Falles, jemand weiß, wo ich geplant habe entlang zu laufen und ich fühle mich sicherer.

 

  • gute Vorbereitung ist alles
    • Informiere dich gut darüber, was dein Körper benötigt und sorge gut vor. Ausreichend Wasser trinken, gesund essen und guter Schlaf sind einfach unbezahlbar. Finde heraus, was du dir zutrauen kannst und überfordere dich nicht indem du dich in extreme Bedingungen und Situationen bringst. Bei bestehenden körperlichen Problemen, sichere dich aber immer mit einem ärztlichen Rat und Besuch beim Facharzt ab.

 

  • mit kleinen Schritten vorwärts kommen
    • Nach der Arbeit laufe ich gerne nach Hause und verbinde das Training gleich mit einer kleinen Mutprobe. Bei jedem Lauf steige ich eine Station eher aus dem Bus und vergrößere so den Weg zwischen mir und meinem Ziel. So lerne ich aktiv aber Schritt für Schritt, dass ich mir das zutrauen kann. Außerdem entdecke ich neue Wege in meiner Gegend und fühle mich bei jedem Durchlauf wieder etwas wohler und sicherer. Mal ganz davon abgesehen, dass ich so das Training direkt nach der Arbeit integriere und somit konstant absolviere.

 

  • Ablenkung
    • Sich während dem Sport von den beängstigenden Gedanken ab zu lenken, kann helfen, sich wieder zu konzentrieren und neue Ziele zu erreichen. Mir hilft dabei zum Beispiel Dinge zu zählen oder einfach von 100 rückwärts runter zu zählen. Denn meist kann man nicht mehrere Dinge auf einmal denken und so kann das Rückwärtszählen mir helfen, negative Gedanken zur Seite zu schieben. Aber dabei nicht vergessen konzentriert weiter zu atmen. Auch möglich wären Podcasts zu hören oder sich nur auf die Atmung zu konzentrieren und den Rhythmus zu verfolgen.

 

Am Ende ist noch eine wichtige Sache ganz entscheidend und besonders hilfreich. Und zwar, dass auch mit Herzpochen, Schwitzen, verstärkter Atmung und körperlicher Anspannung (was Hauptsymptome von Panikattacken sind) die Situation erlebt wurde und ohne Vorfälle beendet werden konnte. Das stärkt das Selbstbewusstsein und lindert die Angst vor diesen Symptomen.

Die entspannende heiße Dusche nach dem Lauf, das tolle Gefühl, das Serotonin im Körper helfen mir am Ende auch und ich freue mich dann schon auf den nächsten Lauf.
Spätestens dann weiß man, dass man es kann, dass man es schafft und lernt nach und nach, das Gefühl der Angst wieder richtig ein zu ordnen, was besonders wichtig ist. Denn die Grenze von normaler Aufregung und richtiger Angst sind oft sehr verschwommen.

Das Laufen hilft mir sehr, meine körperliche Sicherheit wieder zu gewinnen und zu lernen, das Herzklopfen, Adrenalin oder Schwitzen nicht nur Angst bedeuten. Es hilft mir auch mein Selbstvertrauen zu stärken und überflüssige Energie los zu werden. Denn manchmal will man einfach mal Allem davon laufen.

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