Absagen ist nicht gleich Scheitern

Feigling. Weichei.

Worte, die nach meinem abgesagten Plänterwald-Lauf an meiner Startnummer prangen. Und ja, ich kann nicht leugnen, dass der Regen eine Ausrede und mein Bett bei tristgrauem Wetter einfach zu verhängnisvoll war. Und dort hat es mich festgehalten am Morgen des 80. Plänterwald-Laufs.

Ein läppischer 5km-Lauf…der Letzte des Jahres sollte es werden und ich hatte mich auch schon darauf gefreut. Aber meine Vorbereitungen liefen alles andere als gut und eine dicke Erkältung kurz vor dem Lauf erlegte mich dann auch noch. Na super. Und dann beobachte ich vom meinem schützenden Bett aus, wie meine Instagram-Idole glücklich durch den Plänterwald hüpfen und der ganzen Welt zeigen, dass ein bisschen Regen niemandem schadet und mein schlechtes Gewissen fährt auf Hochtouren.
Aber mal ganz ehrlich…

Mal Absagen heißt nicht komplett zu scheitern

Man kann sich ja ganz schön unter Druck setzten bei all den vielen übereifrigen Läufern und professionellen Kilometer-Sammlern. Überall sprudeln die Motivationssprüche und Life-Coaches aus der Erde und ein Laufleben mit kleinen Rückschlägen scheint absolut unhaltbar zu sein. Schließlich gibt es keine Ausreden und wer nachts um halb 1 bei Hagel und Sturm nicht laufen geht, der ist kein richtiger Läufer. Aber ist das wirklich so? Oder ist ein wenig Absagen nicht auch mal ganz ok? Ich finde schon. Und ich sag euch auch gern warum.

Schlechtes Gewissen mit guten Folgen

So ein schlechtes Gewissen ist ja doch manchmal recht hilfreich. Denn ohne schlechtes Gewissen gibt es eben manchmal keine Verbesserung. Und so hat mich mein Gewissen auch bereichert und mir aufgezeigt, dass ich zum Beispiel noch das ein oder andere Equipment benötigen könnte, damit ich beim nächsten Niesel nicht drinnen bleibe. Also schnell ein paar Handschuhe geholt und eine Laufjacke mit Kapuze und Regenschutz. Vielleicht eine Mütze im Winter oder eine lange Laufhose. Wer mal im Dezember laufen war, der weiß, dass auch das möglich ist und man muss nicht einmal 20 Schichten Klamotten am Mann haben. Also habe ich diesen Hinweis meines Gewissens genutzt und meiner Laufgarderobe ein kleines Update gegeben. So gibt es beim nächsten Mal zumindest in dieser Hinsicht keine Ausrede mehr. Und siehe da, der nächste Trainingslauf war sogar tatsächlich im Dunkel des Abends und bei leichtem Regen.

Das Gewissen als Motivationsschub

Nun habe ich den Lauf ja am selben Morgen abgesagt und die Schuldgefühle wollten einfach nicht enden. Aber was nützt das denn am Ende? Ich habe meinen Rückzug als Motivationsschub genutzt und möchte so schnell nicht wieder etwas absagen, für das ich nicht die allerfeinsten und besten Gründe habe. Umso mehr möchte ich im neuen Jahr an neuen Läufen teilnehmen und auch mein Ziel, die 10km zu knacken, habe ich umso stärker ins Auge gefasst. Denn wenn man schon im Bett liegt und sich die Birne zerreißt über hätte, sollte, müsste, dann zeigt es ja auch, dass der Wille da ist…nur eben mal gut versteckt unter einen warmen Daunendecke….

Jetzt erst recht

Gerade als Laufanfänger hat man noch genügend Luft nach oben und es gibt noch einige Ziele zu erreichen. Ein Fehlschlag ist kein Weltuntergang. Kann aber auch zeigen, ob der Wille da ist oder es doch nur eine Eintagsfliege war und das so lieb gewonnene Hobby morgen schon durch ein Anderes ausgetauscht wird. Aber für mich gilt: jetzt erst recht! Ich hab einen Lauf verpasst, neue Erinnerungen und Erfahrungen, die ich hätte sammeln können. Denn so kann ich nur darüber philosophieren, wie ein Lauf bei Niesel aussehen könnte. Aber wäre ich einfach gelaufen, hätte ich es eben ausprobieren können um danach meine Schlüsse zu ziehen. Wäre es wirklich so schlimm gewesen? Wäre es tatsächlich zu kalt geworden? Das nächste Mal wird gemacht und nicht geklagt. Nur so kann ich mir doch wirklich ein Bild machen und Entscheidungen in der Zukunft auf Tatsachen aufbauen. Und nicht auf hätte, wäre, vermutlich, womöglich…

Richtig handeln und entscheiden

Man sollte eines dennoch nicht aus den Augen verlieren. Die richtige Entscheidung im Hier und Jetzt treffen. Jeder Moment bedarf einer richtigen und gesunden Einschätzung und kann nicht immer gleich beurteilt werden. Ein Lauf absagen, nachdem man eine fiese Erkältung erst ein paar Tage hinter sich gelassen hat, kann eine enorm gesunde Entscheidung sein. Wenn nämlich im Moment auch noch ein starker Regen, Kälte und eine unausgereifte und nicht wettertaugliche Laufkleidung dazu kommen. Denn die Gesundheit aufs Spiel zu setzen, weil das Gewissen um sich beißt, ist nicht Sinn der Sache und hat mit Motivation und Durchhalten nichts zu tun. Also wäge deine Entscheidung je nach Moment und Situation ab und entscheide dich, zum Beispiel für deine Gesundheit auch mal gegen einen Lauf. Damit du umso stärker beim Nächsten antreten kannst.


Am Ende ist doch entscheidend, dass du erkennst, was dich zurück gehalten hat und wie du dem beim nächsten Mal vorbeugst, aufstehst, deine Schlummisocken gegen Laufstrümpfe tauschst und dich los bewegst.
Und wer weiß, danach ist man ja meist um einige Erfahrungen reicher und dann heißt es mal wieder:

So schlimm war´s ja nicht!

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